Unternehmensfinanzierung

Kreditvergabe: So bewerten Banken heute Ihre Nachhaltigkeit

Kreditverhandlungen bleiben für Handwerksbetriebe schwierig. Jetzt bewerten Banken und Sparkassen zusätzlich Ihre Nachhaltigkeit – meist noch unbemerkt.

6 Min.14.11.2024, 01:00 Uhr (Aktualisiert am 20.02.2026, 15:39 Uhr)
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Nachhaltigkeit im Schnell-Check: Sparkassen und Genossenschaftsbanken interessieren sich vor allem für Branche und Standort ihrer Geschäftskunden, sagt Finanzierungsexperte Carl-Dietrich Sander.
Nachhaltigkeit im Schnell-Check: Sparkassen und Genossenschaftsbanken interessieren sich vor allem für Branche und Standort ihrer Geschäftskunden, sagt Finanzierungsexperte Carl-Dietrich Sander. Swapan - stock.adobe.com
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Auf einen Blick

Es geht nicht mehr nur um Rating, Kapitaldienst und Sicherheiten: Nachhaltigkeit ist jetzt der vierte Faktor bei der Entscheidung über Unternehmenskredite.

Genossenschaftsbanken und Sparkassen bewerten Ihren Betrieb schon jetzt – auch wenn Sie keinen Kredit beantragen. Dafür genügen ihnen zwei einfache Infos, für die sie nicht einmal Ihre Hilfe benötigen.

Für viele Handwerksbetriebe dürfte das keine Folgen haben. Informieren sollten sie sich dennoch. Je eher, desto besser.

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Finanzierung: Kreditverhandlungen bleiben schwierig

Kreditverhandlungen werden für Handwerksbetriebe schwieriger – wieder einmal: „Für das vierte Quartal planen die Banken, ihre Richtlinien für Unternehmenskredite unter anderem wegen pessimistischer Markt- und Konjunkturerwartungen wieder restriktiver zu gestalten“, berichtet die Deutsche Bundesbank .

In den vergangenen Monaten hatten die Kreditinstitute zwar etwas lockerer gelassen, doch nun ziehen sie wieder an. Das zeigt eine Auswertung der KfW : Der Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen, die über Kredithürden klagen, liegt mit 31,5 Prozent fast schon wieder auf Vorjahres-Niveau. Und der Trend ist nicht zu übersehen: Dieser Wert steigt seit sieben Jahren ununterbrochen.

„Daran wird sich 2025 nichts ändern“, sagt Finanzierungsexperte Carl-Dietrich Sander aus Kaarst. „Unsichere Zeiten sind für die Kreditvergabe nicht hilfreich und vieles spricht dafür, dass diese Unsicherheit weiter zunimmt“, betont Sander, der auch Mitglied in der Fachgruppe Finanzierung-Rating im Bundesverband Die KMU-Berater ist.

Banken und Sparkassen: Nachhaltigkeit als Kreditvergabekriterium

Doch es kommt noch dicker: Kreditinstitute achten nun auch auf die Nachhaltigkeit von Handwerksbetrieben. Nachhaltigkeit werde zum vierten Kriterium bei der Kreditvergabe, sagt Sander – neben dem Rating, der Kapitaldienstfähigkeit und den Sicherheiten.

Die Kreditinstitute prüfen demnach, wie nachhaltig ein Unternehmen aktuell ist – und wie zukunftsfähig sein Geschäftsmodell. „Viele Unternehmen bekommen davon noch gar nichts mit, aber schon jetzt erstellen zum Beispiel die Genossenschaftsbanken und Sparkassen für jeden Kreditnehmer ein solches ESG-Risiko-Scoring“, weiß Sander.

ESG, das steht für drei Dimensionen der Nachhaltigkeit:

  • E steht für „Environment“ (Umwelt)
  • S steht für „Social“ (Soziales)
  • G steht für „Governance“ (Unternehmensführung)

Zum ESG-Scoring der Sparkassen und Volksbanken hat Sander, selbst früher im Vorstand einer Volksbank, inzwischen die meisten Erkenntnisse gesammelt. Daher weiß er: Für ihr Nachhaltigkeits-Scoring benötigen diese Kreditinstitute lediglich zwei Informationen: die Branche und den Standort des Unternehmens.

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Standort als ESG-Faktor

Beim Risikofaktor Standort gehe es nur um „äußere physische Umweltrisiken“, die einen Handwerksbetrieb treffen könnten. Es geht also um Naturkatastrophen: Liegt das Unternehmen zum Beispiel in einem oft von Überschwemmungen betroffenen Gebiet, leidet der ESG-Score. Den könnten Handwerksbetriebe nur schwer beeinflussen – falls sich nicht zufällig Firmensitz und Fertigung an verschiedenen Standorten befinden. „Dann sollte man seine Bank darauf hinweisen“, rät Sander.

Nachhaltigkeit der Branche hat starken Einfluss auf die Kreditvergabe

Die Branchenzugehörigkeit ist das zweite wichtige Kriterium. Sparkassen und Volksbanken berücksichtigen die sogenannten Transformationsrisiken: Wie gut kann eine Branche den Weg zu mehr Nachhaltigkeit umsetzen?

Hier geht es konkreter um die Faktoren Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. „Der Großhandel für Heizöl hat nun einmal andere Nachhaltigkeitsrisiken als das Fliesenlegerhandwerk“, sagt Sander. So seien die Umweltrisiken durch die Lagerung und den Transport von Heizöl sehr viel größer als bei Fliesen. Zudem sei die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells im Heizölhandel durch den Wandel zu erneuerbaren Energien stark gefährdet.

Ein Heizölhändler werde daher wohl eher in der schlechtesten Risikoklasse E landen, wenn er nicht aktiv wird. Einen Fliesenlegerbetrieb würden Volksbanken und Sparkassen hingegen in der Risikogruppe B einstufen – also im grünen Bereich.

Wie wird mein Betrieb eingestuft?

Die ESG-Scorings der Sparkassen und Genossenschaftsbanken seien sich sehr ähnlich, betont Sander. Wie die Sparkassen einzelne Branchen bewerten, hat der Unternehmensberater aus der Präsentation einer Sparkasse zum Thema entnommen. Das Sparkassen-ESG-Scoring reicht demnach von „A“ (geringe Nachhaltigkeitsrisiken) bis „E“ (hohe Nachhaltigkeitsrisiken):

  • A: Gesundheits- und Sozialwesen
  • B: Baugewerbe, Gastgewerbe
  • C: Verarbeitendes Gewerbe, Verkehr und Lagerei
  • D: Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Energieversorgung

Die Präsentation umfasste zwar nicht alle Branchen und Bewertungen. Da sich der Sparkassen-ESG-Score jedoch nach dem Branchenschlüssel WZ 2008 des Statistischen Bundesamtes richtet, lässt daraus zumindest für einige Gewerke eine erste grobe Branchenbewertung ableiten:

  • Einen B-Branchenscore dürften demnach alle Bau- und Ausbaugewerke erhalten, also zum Beispiel Hochbau, Tiefbau, Elektro, SHK, Bautischler, Maler, Dachdecker, Zimmerer, Gerüstbauer, Stuckateure, Fliesenleger, Glaser usw.
  • Einen C-Branchenscore mit mittleren Nachhaltigkeitsrisiken erhalten demnach zum Beispiel Metall- und Stahlbauer, Küchen- und Möbeltischlereien wie auch Brauereien, Bäcker, Konditoren und Fleischer.
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Allerdings handelt es sich nur um eine grobe Einschätzung. Da jedes Gewerk individuell bewertet wird, können Sie die konkrete Einordnung nur von Ihrem Kreditinstitut erfahren.

Die Einstufung nach Branche und Standort sei allerdings nicht auf alle Zeit festgeschrieben, betont Sander. Jedes Unternehmen könne seine eigene Bewertung gezielt verbessern.

ESG-Scoring: Noch (fast) ohne Folgen?

Nicht nur die Bewertungssysteme von Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind sich ähnlich. Auch im Einsatz der ESG-Scores gebe es keinen Unterschied, berichtet Sander. Seine Rechercheergebnisse:

Die spannende Frage sei allerdings, wie lange die Bankenaufsicht „das so noch akzeptiert“ und wann sie verlangt, dass der ESG-Score mit über den Kredit entscheidet, sagt Sander.  „Ob das schon 2025 oder erst 2026 sein wird, weiß derzeit niemand. Aber auf jeden Fall geht der Weg dahin.“

Was bedeutet das ESG-Scoring für meinen Handwerksbetrieb?

Wie sinnvoll ist es, sich schon jetzt um den ESG-Score des eigenen Handwerksbetriebs zu kümmern? Zumindest sollten Betriebe ihre Bewertung schon einmal in Erfahrung bringen, rät Sander. „Dann wissen sie, ob sie überhaupt aktiv werden müssen.“ Dazu müsse ein Handwerker seine Hausbank nach der Bewertung fragen. Denn von sich aus würden die Banken meistens nicht aktiv darüber informieren.

Für die meisten Handwerksbetriebe erwartet Sander eine ESG-Bewertung zwischen A und C. „So lange die ESG-Bewertung A oder B ist, muss sich ein Handwerker keine Gedanken machen“, sagt Sander. „Dennoch würde ich mir das einfach mal von der Bank zeigen lassen. Allein dass ich mich darum kümmere und davon weiß, stärkt meine Verhandlungsposition im nächsten Bankgespräch.“

Eine C-Bewertung sei hingegen ein Graubereich: Gut ist der Wert nicht, aber auch nicht so schlecht, dass man seinen Betrieb gleich auf den Kopf stellen müsse. „Viele Handwerksbetriebe sind schon so nachhaltig aufgestellt, dass sie einfach nur die Hausbank darüber informieren müssen, um von einem C auf ein B zu kommen“, ist sich Sander sicher.  Und allen anderen, die doch mehr tun müssen, verschaffe die Kenntnis der eigenen Bewertung zumindest mehr zeitlichen Spielraum, um geeignete Maßnahmen einzuleiten.

So einfach verbessern Sie den ESG-Score bei Ihrer Bank

Handwerksbetriebe könnten ihren Nachhaltigkeits-Score meist mit sehr wenig zusätzlichem Aufwand verbessern, sagt Sander. „Da muss man einfach nur aufpassen, nicht dem deutschen Perfektionismus zu erliegen und es zu übertreiben. Vieles, was man zu dem Thema liest und hört, betrifft die für Großunternehmen vorgeschriebene Nachhaltigkeitsberichterstattung. Aber um die geht es im Handwerk nicht.“

Im Handwerk genüge es für die Bank im Grunde schon, einfach auf einem Blatt Papier alles aufzulisten, was man eh schon macht. Oft seien Handwerkern gar nicht bewusst, welche ihrer Aktivitäten längst schon auf den ESG-Score einzahlen. Sander nennt ein paar Beispiele:

  • Umwelt: Hat der Betrieb ein E-Auto? Sind Energiesparlampen im Einsatz? Nutzt er erneuerbare Energien? Arbeitet er ressourcenschonend? …
  • Soziales : Werden Frauen und Männer gleich bezahlt? Gibt es Gesundheitsmanagement oder Elemente wie zum Beispiel ergonomische Arbeitsplätze?
  • Unternehmensführung: Sie arbeiten nicht schwarz und bestechen niemanden, um an Aufträge zu kommen? „Das klingt vielleicht seltsam, aber man sollte ruhig mit aufschreiben, denn das sind ausdrücklich ESG-Kriterien“, betont Sander.

„Das muss jedenfalls keine 20-seitige Hochglanzbroschüre sein. Da reicht eine einfache Liste völlig aus“, sagt Sander. Und wer das nicht eh schon tut, könne eine solche Zusammenstellung auch gleich nutzen, um sich als Arbeitgeber und Auftragnehmer zu positionieren.

Herausforderung Lieferkette

Einzig das Thema „Lieferkettengesetz“ könnte unter Umständen problematischer werden: Banken könnten sich dafür interessieren, woher Handwerker ihre Materialien und Maschinen beziehen.

„Aber wer nicht direkt im Ausland einkauft, kann immer erst mal darauf hinweisen, dass er nur mit deutschen Herstellern und Händlern zusammenarbeitet“, sagt Sander. Dennoch sei es sinnvoll, sich beizeiten auch von diesen Lieferanten die Einhaltung der EU-Nachhaltigkeitsstandards bestätigen zu lassen.

Wer allerdings eh nur regionale Wirtschaftskreisläufe nutzt, könne sich diesen Aufwand sparen. Dann genüge ein entsprechender Hinweis an die Bank.

Den Faktor Mensch nicht unterschätzen

Entscheidend sei vor allem, dass die Bank sieht: Der Betrieb kümmert sich, dem ist das nicht egal. „Bei den Volksbanken zum Beispiel muss der Betreuer die Nachhaltigkeitskompetenz der Geschäftsführung einschätzen“, berichtet Sander. „Wenn mein Kundenbetreuer so eine ESG-Liste von mir bekommt und zu den Akten nimmt, führt das unbewusst mindestens zu einem positiven Stimmungsfaktor.“ Diese Wirkung sei nicht zu unterschätzen. „Denn das sind immer noch Menschen, die über Ihre Kreditanträge entscheiden.“

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