Gesundheitskurse im Betrieb: Team stärken, Stress mindern
Dieser Handwerksbetrieb setzt für ein gesundes Team auf professionelle Unterstützung. Hürden bei der Akzeptanz waren schnell überwunden.
Auf einen Blick
Der Alltag von Chefs im Handwerk ist voller zeitfressender Herausforderungen. Davon kann auch der Unternehmer Oliver Palstring ein Lied singen. „Unter der Woche rotiert der Tischler im Tagesgeschäft, am Sonntag schreibt er Rechnungen“, fasst er zusammen. Wo bleibt da Zeit, um wichtige Optimierungen am Betrieb vorzunehmen – zum Beispiel beim Thema Mitarbeitergesundheit? „Uns hat die Erkenntnis geholfen, dass Veränderungen leichter umzusetzen sind, wenn wir die richtigen Partner im Boot haben: die Innung, die Berufsgenossenschaft, die Handwerkskammer, die Krankenkasse. Da sitzen so viele erfahrene Leute, dass man gar nicht so viel selbst denken muss, um voranzukommen.“
Unterstützung macht den Unterschied
Beim Thema Mitarbeitergesundheit arbeiten die Tischler eng mit der IKK classic zusammen. Vor einem Jahr erhielten sie den Sonderpreis „Gesundes Handwerk“, den die Krankenkasse mit dem Handelsblatt und EUPD Research vergibt. Gelobt wurde etwa, dass Palstring das betriebliche Gesundheitsmanagement mit viel Engagement vorantreibt.
Zuständig für die Gesundheitsförderung im Unternehmen ist Oliver Palstrings Tochter Alicia Palstring als Personalreferentin. „Wir bieten in Kooperation mit der IKK dreimal jährlich Gesundheitskurse zu verschiedenen Themen an“, sagt sie. Pro Thema würde es drei verschiedene Termine geben. Um die Kommunikation und das Gemeinschaftsgefühl im gesamten Betrieb zu stärken, sollen die Mitarbeitenden aus Büro, Werkstatt und Montage dabei bunt gemischt werden.
Die Akzeptanz kommt mit der Erfahrung
Obwohl die Tischlerei die Kurse von vornherein als bezahlte Stunden während der Arbeitszeit angeboten hat, sei die Akzeptanz zu Beginn keine Selbstverständlichkeit gewesen. Palstrings Erfahrung aus der Anfangszeit: „Wer Tischlern sagt, sie sollen ihre Arbeit für einen Workshop unterbrechen, kann eher mit einem ‚lasst mich in Ruhe‘ als einem ‚Yippee‘ rechnen.“ Inzwischen aber sei es ganz anders. Das Team weiß, dass die regelmäßigen Schulungen Teil der Unternehmenskultur sind und wie sie in den Arbeitsrhythmus integriert werden.
„Wir machen zu jedem Seminar einen Aushang mit Terminen, die Mitarbeitenden können sich eintragen. Das wird inzwischen sehr gut angenommen“, sagt Alicia Palstring. Indem nur rund ein Drittel der Mitarbeitenden eines Bereichs gleichzeitig die Arbeit für einen oft zweistündigen Kurs unterbricht, hielten sich die Auswirkung auf die Arbeitsabläufe in Grenzen.
Ernährung: Wissen schafft Veränderung
Welche Seminare sind besonders beliebt? „Ein echter Renner bei uns war die gesunde Ernährung“, berichtet die Personalreferentin. Im Normalfall essen die Mitarbeitenden im Unternehmen zwei Mahlzeiten, die sie sich selbst mitbringen. „Meistens waren das belegte Brote“, sagt Palstring. Das ist nicht nur ernährungsphysiologisch eintönig, es wird auch geschmacklich langweilig. „Also haben wir geschult: Was gibt es noch für Möglichkeiten? Zu welchen Zeiten esse ich am besten? Welche Nahrungsmittel sind morgens sinnvoll, welche mittags und abends?“, erläutert Palstring.
Eine Diätassistentin hat im Kurs die Ernährungspyramide erklärt und die Mitarbeitenden haben Beispiele genannt und aufgeschrieben, was sie essen. „Dann redet man darüber, wie gut oder schlecht das für das Wohlbefinden ist.“ Die Infos haben Wirkung gezeigt: Palstring schätzt, dass mehr als die Hälfte der Belegschaft ihre Ernährungsweise umgestellt hat. „Wer sich früher allein mit Brot zufrieden gab, isst nun gerne mal einen Joghurt mit Müsli zum Frühstück“, sagt sie. Auch die Verpflegung im Betrieb hat sich geändert. Statt Süßigkeiten bietet das Unternehmen kostenlos Obst und Nüsse an.
Gesunder Rücken, bessere Stressbewältigung
Einige Kurse hat das Unternehmen begleitend zur Arbeitsplatzmodernisierung im Betrieb angeboten. „Mit dem Thema Rückenschule haben wir begonnen, als wir höhenverstellbare Tische in Werkstatt und Büro eingeführt haben“, berichtet Alicia Palstring. Denn selbst die beste Ausrüstung nützt nur etwas, wenn sie auch korrekt genutzt wird.
Sehr zufrieden sei das Team auch mit dem Workshop zum Stressmanagement gewesen. „Man lernt Stress besser kennen. Jeder empfindet andere Dinge als besonders stressig und jeder geht anders damit um“, sagt Palstring. In Kombination mit einem Workshop zur gesunden Zusammenarbeit im Team werden die Mitarbeitenden füreinander sowie für die individuellen Aufgaben und damit verbundene Stressfaktoren sensibilisiert. So könnten alle besser aufeinander achten und einige Stressfaktoren im Alltag vor ihrer Entstehung verhindern.
Keine Angst vor schwierigen Themen
Inzwischen wagen sich die Küchenbauer auch an schwierigere Themen heran. Dabei konnten sie manchen Erfolg verzeichnen. „Wir hatten mal eine Psychologin da, die Kurse und Einzelgespräche angeboten hat“, sagt Palstring. Die Befürchtung, dass Männer für so ein Thema wenig empfänglich sind, hatte sich im ersten Termin zunächst bestätigt. „Den hat niemand angenommen“, erinnert sich die Personalreferentin. Doch der Betrieb blieb dran. „Zum nächsten Kurs kamen zwei Leute, dann fünf und zuletzt war die Zahl zweistellig“, sagt sie.
Auch andere potenziell unangenehme Themen wie Suchtprävention stehen nun auf dem Seminarplan. Die Informationen zu Nikotin, Alkohol und anderen Suchtmittel sollen sich nicht nur an die Seminarteilnehmenden richten. Es geht auch um ihr Umfeld. „Wenn Teammitglieder regelmäßig miteinander zu tun haben, bekommen sie auch Zeichen mit, ob ihr Kollege eventuell mit Suchtproblemen kämpft“, sagt Palstring. „Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem alle Mitarbeitenden aufeinander Acht geben“, sagt sie.
Fertig sei man mit den Maßnahmen nie. „Das ist ein kontinuierlicher Prozess“, berichtet sie. „Uns bringt es eine Menge. Das spüren wir im Teamgeist im gesamten Unternehmen.“




