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Chatbot beim Tischler: KI entwirft Wunschmöbel

Auf der Website der Tischlerei „Dein Freund“ kreieren Kunden per Chatbot Möbelstücke. Ein Türöffner in der Kunden-Kommunikation, der Zeit spart.

5 Min.09.10.2024, 02:00 Uhr (Aktualisiert am 11.02.2026, 09:56 Uhr)
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Couchtisch erstellt mit dem Smart Advisor: Gewünscht war ein quadratischer Tisch aus Eiche, mit abgerundeten Ecken, geschlossenem Stauraum und grünem Streifen.
Couchtisch erstellt mit dem Smart Advisor: Gewünscht war ein quadratischer Tisch aus Eiche, mit abgerundeten Ecken, geschlossenem Stauraum und grünem Streifen. Smart Advisor, Tischlerei Dein Freund
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Auf einen Blick

Die Tischlerei „Dein Freund“ hat einen KI-gestützten Chatbot entwickelt, um Kunden bei der individuellen Möbelgestaltung zu unterstützen und die Planung zu beschleunigen.

Der Chatbot namens „Smart Advisor“ nutzt eine fortschrittliche Bild-KI. Er erstellt Kunden auf Basis intuitiver Eingaben fotorealistische Entwürfe ihrer Wunschmöbel. Die Entwürfe werden für die weitere Beratung genutzt.

Kollegen aus dem Handwerk sind eingeladen, den Chatbot selbst auszuprobieren. 

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„Bist du auf der Suche nach deinem Traum-Möbelstück?“ Mit dieser Frage lädt die Website der Tischlerei „Dein Freund“ ihre Besucher zu einem besonderen Chat-Erlebnis ein. „Deine Worte, deine Ideen – und ich zeige dir wie es aussehen kann!“, ermutigt der Text Kunden zum Ausprobieren. Einen Klick später können sie auf der Tischler-Website ihr Wunschmöbelstück gestalten – mit Hilfe einer bildgenerierenden Künstlichen Intelligenz (KI).

Mit dem KI-gestützten Chatbot will die Tischlerei aus der Region Hannover Kunden bei der Möbelgestaltung unterstützen und bei der Beratung noch schneller zum Ziel kommen. Gleichzeitig soll der Chatbot Aufwände reduzieren. So könnten die Visualisierungsprofis der Tischlerei ihre Fähigkeiten stärker auf konkrete Aufträge fokussieren und weniger an unverbindliche Anfragen binden.  

Kurze Entwicklungszeit, zufriedene Kunden

Beispiel aus dem Smart Advisor: Dieser Badezimmerausbau stammt von der KI.

Innerhalb von 1,5 Jahren entstand das KI-Angebot der Niedersachsen. Wie kommt es an? „Unsere Kunden sind begeistert“, verrät Anke Freund, die das Projekt in der Tischlerei vorangetrieben hat.

Der Weg zum fertigen Chatbot war nicht geradlinig. „Angefangen hat bei mir alles mit der bildgenerierenden KI Midjourney “, verrät Anke Freund. Mithilfe von Textbefehlen und Skizzen nutzte sie die KI, um Kunden entsprechend ihrer Wunschvorstellungen fotorealistische Gestaltungsvorschläge zu machen. Die positive Resonanz habe die Unternehmerin ermutigt, das Konzept weiterzuentwickeln. Mit Unterstützung des European Digital Innovation Hub für KI und Cybersicherheit (Daisec) erweiterte die Tischlerei ihren Blickwinkel auf die Möglichkeiten der KI-Anwendung.

Mehrere Möglichkeiten die Bild-KI im Betrieb einzusetzen, wurden geprüft. Die Lösung für ihre Website kam mit der Weiterentwicklung der KIs selbst. „Wir sind OpenAI-Nutzer und deren Bild-KI Dall-E hat in der zweiten Hälfte 2023 große Fortschritte gemacht“, berichtet Freund. Alternativ zur Prompt-Eingabe auf der offiziellen Website des Entwicklers, bietet OpenAI die Möglichkeit seine KIs per API-Schnittstelle mit anderen Programmen anzusprechen. So lässt sich die künstliche Intelligenz mit eigenen Diensten zum Beispiel auf der Handwerker-Website verknüpfen. „Das wollten wir für eine Art KI-Webshop nutzen, auf dem Kunden ihr Möbelstück individuell generieren können“, sagt Anke Freund.

Tischler lehren KI

Über den Green-Economy-Fördertopf der Region Hannover konnte Freund die Idee als Machbarkeitsstudie Bezuschussen lassen. 80 Prozent der Initialkosten von 12.500 Euro wurden darüber gefördert. Das reichte zur Entwicklung des KI-Chatbots. Sein Name: Smart Advisor. „Innerhalb von nur fünf Monaten war der Chatbot funktionsfähig“, berichtet Freund. Die darauf folgende Implementierung auf ihrer Wordpress-Seite zu weiteren Kosten von 8.000 Euro zahlte der Betrieb selbst.

Wie viel Input aus dem Tischlerhandwerk steckt in der Entwicklung? „Wir haben unsere Expertise und Erfahrung aus dem Handwerk in die Entwicklung eingebracht: Was wollen die Kunden? Wie formulieren sie Anfragen? Welche Begrifflichkeiten nutzen sie?“, sagt Freund. Die Tischler hätten viele Begrifflichkeiten definiert, wie Kunden Möbelstücke beschreiben. So sei ein Datensatz aus realen Bildern von Möbelstücken und deren kundenorientierter Beschreibung entstanden, mit denen die KI auf die Kundenanfragen trainiert wurde.

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Wie funktioniert die Nutzung aus Anwendersicht?

Wer der Einladung auf der Website mit einem Klick auf „Chat starten“ folgt, liest zunächst ein paar einleitende Sätze zum Umgang mit dem Chatbot. Schon kann geschrieben werden. Beispiel: „Ich suche einen modernen höhenverstellbaren Schreibtisch, der mir viel Stauraum bietet. Maße: 2 Meter breit und 80 cm tief. Mit Platz für zwei Bildschirme. Budget: 2.400 Euro“. Die KI wird dann noch einige Nachfragen zur Farbe, Stauraumart und dem gewünschten Stil stellen. Wurden die beantwortet, folgt die Generierung des Bildes. Danach kann man noch nachbessern oder sich bei Gefallen den Link zur Kontaktaufnahme mit den Tischlern geben lassen.

Nimmt der Chatbot dem Team Arbeit ab? „In der Kundenberatung ist er wertvoll – egal, ob wir ihn selbst nutzen oder die Kunden mit ihm arbeiten“, berichtet die Unternehmerin. Für sie liegt in der KI der nächste Schritt der Kundenberatung. „Früher kamen die Kunden mit einem Pinterest-Bild zu uns, jetzt erstellen wir schnelle Visualisierungen, für die Kunden nicht mehr als eine grobe Idee im Kopf haben müssen.“

Vom Produkt zum Einrichtungspaket

Die Tischlerei setzt den Chatbot so ein, dass sein Ergebnis die Basis für die weitere Beratung ist. Die KI liefere kein fertiges Möbelstück, das sich 1:1 nachbauen ließe. Und das sei auch gut so. „Das konkrete, in der Realität funktionsfähige Möbelstück, entsteht erst durch unsere Konstrukteure“, sagt Freund. Wertvoll in der Beratung mit der KI sei, dass sie ganze Innenausbauten liefert, in denen das Wunschmöbelstück platziert ist. „Dadurch verkaufen wir oft nicht nur den Waschtisch, sondern ganze Einrichtungspakete, in denen zum Beispiel auch der moderne Spiegel, die indirekte Beleuchtung und das Wandregal enthalten sind“, berichtet Freund.

Ein Wermutstropfen der Bild-KI bliebe beim Thema Preisvorschläge. Angedacht war, dass Kunden ein Budget nennen und der Chatbot seinen Entwurf passend zur gewünschten Preisspanne liefert und die voraussichtlichen Kosten benennt. „Aktuell sind die prognostizierten Preise der KI jedoch unrealistisch niedrig“, sagt Freund. Das Team arbeite daran, die Treffsicherheit der KI beim Preis zu verbessern. Sie betrachten es als fortwährende Entwicklung. Dabei soll auch der Funktionsumfang noch zunehmen. Im nächsten Schritt soll beispielsweise eine Spracheingabe folgen, um den Kunden das schriftliche Prompten abzunehmen.

Ausprobieren erwünscht

Zudem plant Freund, eine Förderzusage vorausgesetzt, den Einsatz der Entwicklung in einem zweiten Projekt für ein anderes Gewerk zu optimieren. „Wir können uns das gut bei anderen Gewerken des Innenausbaus vorstellen, aber zum Beispiel auch bei Konditoren“, sagt sie. Anke Freund lädt alle Kollegen ein, sich selbst ein Bild vom „Smart Advisor“ zu machen. Ihr Tipp an die Kollegen: „Legen Sie beim Ausprobieren die Tischlerbrille ab und sehen sie es aus Sicht der Endverbraucher.“

Implementiert ist der Chatbot beispielsweise auf der Website der Tischlerei sowie auf freund-in.de , über die die Entwicklung auch vertrieben wird. Kollegen, die den Chatbot selbst für ihre Angebote auf der Website implementieren wollen, können den „Smart Advisor“ dort als Produkt erwerben.

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