Digitalisierung, Austausch, Ausland: Tradition am Puls der Zeit
Die Schreinerei Steinhauer zeigt, wie man Beständigkeit und Wandel in einem 225 Jahre alten Unternehmen vereint. Dazu gehören ein vielseitiges Leistungsportfolio, moderne Fertigungsmethoden und Abenteuerlust.
Auf einen Blick
Nicht viele Betriebe können sich rühmen, schon mehrere Jahrhunderte zu bestehen. Die Schreinerei Steinhauer , gegründet 1799, gehört zu diesem Kreis. Tischlermeister Paul Steinhauer führt den sechsköpfigen Betrieb aus Sankt Augustin im Raum Bonn. Gerade gab er eine Feier zum 225ten Jubiläum des Unternehmens. Trotzdem ist Steinhauer kein ausgesprochener Traditionalist, der viel in Erinnerungen seiner Ahnen schwelgt. Das sieht man schon an seinem Werdegang, der ihn bis nach Südamerika führte, und auch daran, wie im Unternehmen gefertigt wird. „Wir gehen mit den Kundenbedürfnissen, konstruieren in 3D, überzeugen mit ansprechenden Renderings unserer Entwürfe und fertigen mit CNC-Technik“, sagt der Unternehmer.
Neben dem Fokus auf moderne Kundenbedürfnisse ist am Unternehmenssitz in Sankt Augustin dennoch Platz für Traditionspflege: Interessierten Besuchern steht die Tür zum hauseigenen Museum offen, wo sie unter anderem eine gut sortierte Sammlung von Holzbearbeitungswerkzeugen der letzten Jahrhunderte entdecken können.
Dass die Schreinerei mitten in einem Wohngebiet liegt, habe Vor- und Nachteile. Den Anwohnern ist man als Schreiner aus der Nachbarschaft im Gedächtnis, wenn Modernisierungen anstehen, erklärt Steinhauer. Im Gegenzug muss der Betrieb mit dem Platz haushalten, der ihm zur Verfügung steht. „Wir haben einmal expandiert, mehr ist an diesem Standort nicht mehr möglich“, erklärt der Schreinermeister. Das Team arbeite auf etwa 400 Quadratmeter Fertigungsfläche. „Unsere maschinelle Ausstattung ist dadurch etwas eingeschränkt. Eine horizontale Plattensäge oder eine große CNC-Maschine bekommen wir nicht unter“, sagt Steinhauer.
Private Nachfrage ungebrochen
Der Vielseitigkeit seiner Arbeiten tue das aber keinen Abbruch. „Unser wichtigstes Standbein aktuell ist der Innenausbau: Einbauschränke, Küchen, Badmöbel oder auch vereinzelt Türen im Eigenbau, wenn es spezielle Anforderung sind“, berichtet der Unternehmer. Zu Corona habe er einen plötzlichen Nachfrageanstieg im privaten Innenausbau erlebt. „Seitdem ist das Privatgeschäft ungebrochen auf einem guten Niveau“, sagt Steinhauer. Das nimmt er insbesondere im Bereich individueller Küchen wahr. Er glaubt an einen langfristigen Trend. „Im Neubau sind die Küchen größer geworden. Das ist jetzt ein halber Wohnraum – und der soll schön, funktional und gemütlich sein.“ Da könne man als Handwerksbetrieb im Vergleich zur Standardküchenzeile mit individuellen Lösungen punkten.
Den Fokus auf Innenausbau hat Paul Steinhauer selbst forciert. Zuvor habe das Unternehmen noch mehr im Bereich Fenster und Türen gemacht. „Der Innenausbau spielte schon in meiner Lehre eine größere Rolle und ich habe da persönlich Spaß dran“, sagt der Meister. Beim Kundenstamm achtet der Betrieb darauf, seine Projekte breit zu streuen. So würden Arbeiten für manche gewerbliche Auftraggeber vom Büro bis zum Ladenbau, Kirchengemeinden und Kommunen das Privatkundengeschäft unterfüttern. „Wir sind bewusst breit aufgestellt, um Abhängigkeiten zu vermeiden.“
Vor der Selbstständigkeit ins Ausland
Dass Steinhauer die Tradition des Unternehmens fortführen würde, stand nicht immer fest. Nach seiner Meisterprüfung 1990 zog es ihn ins Ausland. Nachdem er schon in der Schweiz gearbeitet hatte, lockte das ferne Südamerika. „Auslöser war, dass meine Frau für ihren Arbeitgeber nach Chile gehen konnte“, erinnert sich Steinhauer. Er selbst fand einen öffentlichen Auftraggeber, der seine handwerkliche Expertise in Chile nutzen wollte.
Als die erste Stelle auslief, ergriff der Tischlermeister die Chance, in einer neu gegründeten chilenischen Berufsschule den Ausbildungszweig Tischlerei aufzubauen. „Gesucht waren Tischler aus Deutschland für eine einjährige Berufsausbildung. Das hat super funktioniert und nebenbei haben wir in den Räumlichkeiten eine Schreinerei aufgebaut, die mit ehemaligen Schülern auch für Privatkunden fertigen konnte“, erzählt Steinhauer. Viele der Jugendlichen hätten einen großen Rucksack an Problemen mitgebracht. „Da musste ich erstmal lernen mit umzugehen; aber es war eine tolle Erfahrung auch für uns als Ausbilder in Deutschland“, sagt der Unternehmer.
Zwei Jahre nach der Geburt seiner drei Kinder kehrte er zurück nach Deutschland und übernahm die Schreinerei Steinhauer. Zunächst mit seinem Bruder, inzwischen führt er sie allein.
„Die Anerkennung ist gestiegen“
Rückblickend sagt er: „Ins Ausland zu gehen ist eine Bereicherung, die ich jedem empfehlen kann.“ Eine weitere gute Entscheidung sei es gewesen, aktive Posten in der Innung einzunehmen. Das hat ihm schon sein Vater vorgelebt. In der Tischler-Innung Bonn/Rhein-Sieg ist Paul Steinhauer seit 20 Jahren im Vorstand und war fast 10 Jahre Lehrlingswart und viele Jahre im Prüfungsausschuss tätig. „Ich finde es wichtig, dass man nicht alleine vor sich ‚hinwurschtelt‘ – das tut privat nicht gut und beruflich auch nicht“, sagt Steinhauer. Die Innungsarbeit bedeute für ihn, einen Ort zu haben, wo man sich mit Gleichgesinnten austauschen, voneinander lernen kann und Freundschaften entwickelt. Und die Arbeit der Verbände zahle sich im Ansehen des Berufs aus. „Ich glaube die Anerkennung unseres Berufs in der Außenwahrnehmung ist gestiegen. Ebenso wie die Löhne, was auch wichtig ist.“
In einer Broschüre zur Geschichte der Schreinerfamilie Steinhauer steht ein anonymes Philosophen-Zitat: „Tradition zu pflegen heißt nicht, die Asche aufzubewahren, sondern die Flamme am Leben zu erhalten.“ Paul Steinhauer ist das als Ausbilder im eigenen Betrieb und im Ausland gelungen. Einer seiner Söhne hat eine Schreinerausbildung gemacht und studiert aktuell in Rosenheim Innenausbau. Ob er den 225 Jahre alten Familienbetrieb übernimmt, steht aber noch nicht fest, erzählt Steinhauer: „Da glimmt noch ein Flämmchen. Mir ist aber vor allem wichtig, dass er seinen eigenen Weg kann.“


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