Strategie

Neue Wege im alten Gewerk: Diese Bestatterin macht es vor

Mit Angeboten für Hinterbliebene, Kunst und Nachhaltigkeit stehen diese Bestatter dem Leben besonders nah. Wie gelingt es, in einem traditionellen Beruf neue Wege zu gehen?

4 Min.05.09.2024, 02:00 Uhr (Aktualisiert am 10.02.2026, 14:01 Uhr)
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Mit viel Sinn für das Leben in einem herausfordernden Gewerk. Hilke von Mach-Eickhorst leitet das Bestattungs-Institut Wellborg.
Mit viel Sinn für das Leben in einem herausfordernden Gewerk. Hilke von Mach-Eickhorst leitet das Bestattungs-Institut Wellborg. Denny Gille
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Auf einen Blick

Hilke von Mach-Eickhorst führt das Bestattungsinstitut Wellborg mit Innovationsgeist und einem besonderen Sinn für das Leben.

Mit dem Trauertreff hat sie ein Gruppenkonzept ins Leben gerufen, dass Hinterbliebenen helfen soll, ihren neuen Lebensabschnitt selbst zu gestalten.

Auch Nachhaltigkeit ist ein zentrales Element im Betrieb.

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Als unverwüstlich gilt die Robinie. Ihre langen Dornen machen sie wehrhaft gegen Angreifer, ihre üppigen Blütenstände ernähren Wild- und Honigbienen. Unverwüstlich und stolz liegt sie auch im Trauergarten des Bestattungs-Instituts Wellborg . Ein Sturm brachte den einst hochgewachsenen Baum zu Fall. Doch er trieb wieder aus. „Für mich ist diese Robinie ein Sinnbild für meine Mutter“, sagt Hilke von Mach-Eickhorst, Chefin des Bestattungsinstituts. „Sie lässt sich nicht unterkriegen.“

2010 stieg die Unternehmerin in das Bestattungsinstitut ein. Sie wollte ihre damals gut 70-jährige Mutter unterstützen, für die das selbst aufgebaute Unternehmen Lebensinhalt war. 2013 kaufte von Mach-Eickhorst ihr den Betrieb ab und wurde Inhaberin. Damit trat ein, was über Jahrzehnte als höchst unwahrscheinlich galt. Denn zunächst ging die Unternehmerin ihren komplett eigenen Weg und nahm verschiedenste berufliche Erfahrungen mit. Am längsten arbeitete die gelernte Speditionskauffrau an der Seite ihres Mannes als Selbstständige in der eigenen Werbeagentur. Das Schicksal führte sie zurück ins Institut – durch den frühen Tod ihres Bruders und ihrem Wunsch, der Mutter zu helfen.

Kunst und Lebensfreude

„Für das Bestattungsinstitut ist es ein Vorteil, Logistik, Bestattung und Werbung zu beherrschen“, sagt die Unternehmerin heute. Ihren eigenen Weg geht sie auch bei der Gestaltung des Instituts und seiner Angebote. Hilke von Mach-Eickhorst liebt das Leben. Diese Einstellung soll auch das Bestattungs-Institut Wellborg auszeichnen. Licht und Helligkeit dominieren den Innenausbau des nur wenige Jahre alten Neubaus. An den Wänden hängt Kunst verschiedener Künstler und Stile – einen von ihnen haben die Bestatter selbst begraben. In der Feierhalle finden nicht nur Trauerfeiern statt, sondern auch Vorträge des Achimer Kunstvereins. „Wir wollen die Toten würdigen. Wir wollen das Leben feiern“, fasst die Unternehmerin zusammen.

Lebensfreude ist der Chefin auch in ihrem Team essenziell wichtig. Die Mitarbeitenden sollen mit beiden Beinen im Leben stehen, Sport treiben, Hobbys pflegen, mit Freunden ausgehen. „Ansonsten kann unser Beruf einen Menschen kaputt machen. So ehrlich muss man sein“, sagt sie. Ausdrücklich begrüßt sie Fortbildungen im Team. „Ein Mitarbeiter macht gerade seinen Bestattermeister und unsere Psychologin arbeitet an ihrem Master-Abschluss“, berichtet von Mach-Eickhorst. Sie selbst hat sich zur zertifizierten Mediatorin und zur Sterbeamme weiterbilden lassen.

Der Trauertreff für Hinterbliebene

Als Abschlussarbeit ihrer Weiterbildung zur Sterbeamme hat die 58-Jährige den Trauertreff entwickelt. Auch hier liegt der Fokus auf dem Leben: Der Trauertreff unterstützt Hinterbliebene dabei, mit ihrer neuen Situation umzugehen. Trauernde Partner nähmen das kostenlose Angebot besonders häufig wahr. „Mit dem Tod des Partners beginnt unweigerlich ein neuer Lebensabschnitt. Wir wollen den Trauernden helfen, diesen Abschnitt selbst zu gestalten“, sagt von Mach-Eickhorst. Der Trauertreff besteht aus 12 Modulen. Jedes Modul hat einen anderen Schwerpunkt, zum Beispiel Kommunikation, Yoga, Meditation, Spiritualität, Sport. Zusätzlich führt die Sterbeamme auf Wunsch Einzelgespräche mit den Teilnehmenden. Das Modulkonzept wenden die Bestatter nun seit drei Jahren an. „Die erste Gruppe trifft sich noch immer monatlich. Die zweite hat sich irgendwann aufgelöst und meine aktuelle Gruppe arbeitet die Module mit beinahe akademischem Eifer ab“, sagt sie.

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Dass sich die Unternehmerin dem Leben verpflichtet fühlt, sieht man auch im aufwändig gestalteten Trauergarten. Von der Feierhalle des Instituts aus führt zunächst ein „roter Teppich“ aus Klinkersteinen durch eine kleine Allee aus Zieräpfeln. Auf der weiteren Wegstrecke der öffentlich begehbaren Anlage schließt sich eine blütenreiche, extensiv gepflegte Magerrasenfläche an. Schließlich geht es über eine hölzerne Steganlage im Zickzack über die Geestkante zum Friedhof hinab. Gleich hinter der unverwüstlichen Robinie surrt ein Volk von Honigbienen um seinen Bienenstock herum. Auch an Nistkästen für Vögel wurde gedacht. „Wir wollen hier das Leben ansiedeln“, erzählt Hilke von Mach-Eickhorst.

Der Friedhof verändert sich

Anfang des Jahres wurde ihr Betrieb mit der Nachhaltigkeits-Kennzeichnung der Landesvertretung der Handwerkskammern Niedersachsen (LHN) ausgezeichnet. Damit wurden Maßnahmen wie die überdurchschnittliche Ausbildungsquote des Betriebs, die Investition in Solarenergie samt Stromspeicher sowie die Umsetzung eines Qualitätsmanagementsystems gewürdigt.

Sich im Licht der erreichten Erfolge eine Pause zu gönnen, liegt der Unternehmerin fern. Mit dem „Runden Tisch für die Achimer Friedhöfe“ widmet sie sich gemeinsam mit anderen Unternehmen des Gewerbes, der Stadt und der Kirchengemeinde der künftigen Gestaltung der Friedhöfe. Gerade planen sie ein Festival für die Bürger der Stadt. „Die Friedhofe müssen weiterentwickelt werden“, sagt von Mach-Eickhorst. Durch Angebote wie See- und Waldbestattungen, werde weniger Platz auf den Friedhöfen benötigt. „Der Platz muss neu aufgeteilt, freie Flächen neu gestaltet werden“, erzählt die Unternehmerin. Etwa mit Bäumen, Sträuchern, Blühstreifen. Hilke von Mach-Eickhorst sieht es als Chance, den grünen Ruhestätten künftig noch mehr Leben einzuhauchen.

„Tod, wer bist du?“

Aktuell organisiert der „Runde Tisch für die Achimer Friedhöfe“ ein Festival gegen Vorurteile: „Tod, wer bist du?“ setzt sich durch Kunst, Texte, Musik und Mitmachaktionen mit dem Thema Tod auseinander. Auch Vorträge und Workshops vom Testament bis zum Trauerritual sind geplant. Knapp 40 Veranstaltungen finden vom 9. bis 22. September 2024 in Achims Innenstadt statt.

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