„Bau-Turbo“ als Chance – aber mit klaren Grenzen
ZDH-Präsident Jörg Dittrich sieht im „Wohnungsbau-Turbo“ große Chancen für das Bauhandwerk – warnt aber vor Verdrängung und fordert umfassende Sozialreformen.
Der vom Bundeskabinett beschlossene „Wohnungsbau-Turbo“ soll den Wohnungsbau durch schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren ankurbeln. Für das Bauhandwerk eine willkommene Perspektive – vorausgesetzt, die Dynamik wird nicht durch neue Belastungen ausgebremst. Im exklusiven Interview mit handwerk.com betont Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), die Chancen für Handwerksbetriebe. Er mahnt jedoch strukturelle Entlastungen an: Denn steigende Lohnkosten bei gleichbleibender Bürokratielast könnten die neue Aufbruchstimmung schnell wieder ausbremsen.
Wie bewerten Sie die vom Bundeskabinett beschlossene Planungsbeschleunigung durch den sogenannten „Bau-Turbo“?
Jörg Dittrich: Die Mobilisierung von Wohnbauland und Verfahrensvereinfachungen können Handwerksbetrieben im Baugewerbe mehr Aufträge bringen und sich als Schub für das Bauhandwerk erweisen. Die Betriebe brauchen Aufträge und sind bereit, Fahrt aufzunehmen. Wichtig ist aber, dass neues Wohnbauland nicht vorrangig auf Gewerbeflächen entsteht, wodurch dann das Handwerk verdrängt wird. Die neue Dynamik muss durch beschleunigte Verfahren begleitet werden. Deshalb müssen auch die ausgesetzten Planungs- und Genehmigungsverfahren parallel reformiert werden, damit auch über 2030 hinaus schnell und nachhaltig geplant werden kann.
Welche Impulse erhoffen Sie sich von der Reform für das Bauhandwerk?
Dittrich: Ein häufig gehörter Satz: „Bauen dauert viel zu lange!“. Dabei ist es nicht der eigentliche Bau, sondern die endlosen Verfahren, die eine Investitionsentscheidung bis zur Vollendung so langwierig machen. Schnellere Verfahren machen Wohnungsbauinvestitionen attraktiver. Das ist ein entscheidender Hebel. Gut, dass die neue Bundesregierung das erkannt hat.
Um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen, müssen nun auch die Verfahren auf Landesebene beschleunigt und unnötige Normen abgebaut werden. Dieser Prozess sollte begleitet werden von einer Neustrukturierung des Fördersystems, vom sozialen über den frei finanzierten Wohnungsbau bis hin zum Eigentumsbau. Wenn all diese Maßnahmen ineinandergreifen, kann das die aktuelle Misere des Baugewerbes auflösen. Der sogenannte Bau-Turbo sendet ein Signal für sinnvollen Bürokratieabbau . Wichtig für das Handwerk ist an dieser Stelle eine Verstetigung, die auch über 2030 hinausreicht.
Gleichzeitig steht eine Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns im Raum. Wie beurteilen Sie das Spannungsfeld zwischen Beschleunigung auf der einen und Kostensteigerungen auf der anderen Seite?
Dittrich: Der steigende Mindestlohn bedeutet Preissteigerungen, wenn die Produktivität nicht im selben Maß steigt. Ich setze darauf, dass die unabhängige Mindestlohnkommission im Rahmen ihrer Gesamtabwägung alle zu bedenkenden Argumente betrachtet. Neben der Frage der steigenden Lebenshaltungskosten für Arbeitnehmer muss man sich auch an der realwirtschaftlichen Lage orientieren. Der Spielraum für weitere Belastungen ist begrenzt. Die Politik hätte auch die Möglichkeit, für mehr Verdienst zu sorgen durch echte Sozialversicherungsreformen, die die Sozialabgabenlasten spürbar verringern. Wenn ausschließlich nur steigende Kosten auf das Handwerk wirken, wird es für die lohnintensiven Gewerke eine strukturelle Überforderung geben.
Welche politischen Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um einer möglichen Mehrbelastung für das Handwerk durch höhere Lohnkosten entgegenzuwirken?
Dittrich: Der Besuch beim Bäcker oder der Ölwechsel in der Kfz-Werkstatt darf für die breite Masse der Menschen nicht unbezahlbar werden. Um lohnintensive Leistungen nicht weiter zu benachteiligen, braucht es Entlastungen an anderer Stelle. Das Investitionssofortprogramm setzt hier einen Impuls, muss aber durch geplante Maßnahmen wie die angekündigte Strompreissenkung oder eine spürbare Bürokratieentlastung, etwa bei der Lieferketten- und Nachhaltigkeitsdokumentation, flankiert werden. Zudem führt an der überfälligen Reform der Sozialversicherungen kein Weg vorbei. Die Bundesregierung muss den Mut aufbringen, einen verfassungsfesten Gesamtsozialversicherungsbeitragsdeckel von 40 Prozent einzuziehen, sonst wird handwerkliche Arbeit zunehmend unbezahlbar.
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