Politik und Gesellschaft

Koalitionsvertrag: Das sagen Unternehmer aus dem Handwerk

Ob Bürokratieabbau, Wohnungsbau oder Mutterschutz – der Koalitionsvertrag enthält viele Dinge, die auch das Handwerk betreffen: 5 Unternehmer sagen, was sie von den Plänen halten.

5 Min.11.04.2025, 02:00 Uhr (Aktualisiert am 18.02.2026, 13:56 Uhr)
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Kritik und auch Lob aus dem Handwerk: Johanna Röh, Jan Voges, Katja-Lilus Melder, Christian Staub und Sebastian Brücklmaier nehmen zum Koaltionsvertrag Stellung.
Kritik und auch Lob aus dem Handwerk: Johanna Röh, Jan Voges, Katja-Lilus Melder, Christian Staub und Sebastian Brücklmaier nehmen zum Koaltionsvertrag Stellung. Hede Weit- ZVDH - Martina Jahn BVN - - Daniel Schneider, Schneider-Fotos
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„Gute Ideen, doch die Senkung der Lohnnebenkosten fehlt!“

Katja Lilu Melder, UFH-Bundesvorsitzende: „Mir fehlen konkrete Vorhaben zur Senkung der Lohnnebenkosten.“

„Ich freue mich, dass der Mutterschutz für Selbstständige im neuen Koalitionsvertrag erwähnt wird. Dass selbstständige Frauen finanzielle Unterstützung bekommen, wenn sie eine Familie gründen wollen, ist längst überfällig“, sagt Katja Lilu Melder, Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) und Inhaberin von BMG Santec in Hamm.

Zudem gefalle ihr die Idee des Freiwilligenjahres im Handwerk , nach dem Vorbild der Handwerkskammer Lübeck. „Wenn mehr Menschen in die Betriebe und Berufe reinschnuppern, finden sich mit Sicherheit auch mehr potenzielle Auszubildende, die wir dringend brauchen“, sagt die Handwerksmeisterin.

Doch dass die Senkung der Lohnnebenkosten keine Erwähnung finden, gefällt ihr überhaupt nicht. „Dass wir da dringend unter die 40-Prozent-Marke müssen, fordert das Handwerk schon lange“, betont Melder. Umso dramatischer sei es, dass das nicht auf der Agenda stehe.

Mit Zuversicht habe die Unternehmerin jedoch zur Kenntnis genommen, dass die Koalition sich Bürokratieabbau und Steuersenkungen als Ziele gesetzt habe. Jedoch habe auch im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung viel gestanden, das nicht umgesetzt wurde. „Wir warten mal ab und hoffen, dass sie diese Themen wirklich umsetzen“, sagt Melder.

„Wer anpackt, statt nur zu verwalten, verdient bessere Rahmenbedingungen.“

Dachdeckermeister Jan Voges sieht den Koalitionsvertrag als „klare Chance“ für sein Gewerk.

„Der neue Koalitionsvertrag bringt einige erfreuliche Entwicklungen für Handwerksunternehmerinnen und -unternehmer“, schreibt Jan Voges auf LinkedIn. Der Handwerksunternehmer und Vizepräsident vom Zentralverband des deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) schreibt auch, was in dem Papier aus seiner Sicht die wichtigsten Punkte für sein Gewerk sind. Dazu zählen zum Beispiel:

  • die Förderung von Betriebsübergaben
  • die Reduzierung von Schriftformerfordernissen
  • die Vereinfachungen bei KfW-Förderung
  • und die Work-and-Stay-Agentur für einfachere Zuwanderung und Anerkennung von Fachkräften.

Insgesamt sieht Voges den Koalitionsvertrag als „klare Chance“ für sein Gewerk. „Was das Dachdeckerhandwerk jetzt von der neuen Bundesregierung braucht, ist vor allem Stabilität bei Förderprogrammen, spürbare Entlastung bei Lohnnebenkosten und ein ernsthaftes Engagement gegen überbordende Bürokratie“, ergänzt der Handwerksunternehmer auf Nachfrage von handwerk.com. Aus Sicht des ZDVH-Vizepräsidenten droht die Fachkräftelücke „zum echten Krisenthema zu werden“. Sein Gewerk verliere „Wissen, Effektivität und Nachwuchs gleichermaßen“.

Voges fordert: „Politik muss endlich verstehen: Das Dachdeckerhandwerk ist ein zentraler Problemlöser für Energiewende, Klimaschutz und Wohnraumschaffung.“ Er stellt gleichzeitig klar, was er erwartet: „Wer anpackt, statt nur zu verwalten, verdient bessere Rahmenbedingungen.“

Mutterschutz für Selbstständige: „Ein toller Start in die neue Legislaturperiode“

Tischlermeisterin Johanna Röh: „Wir nehmen euch beim Wort und bleiben dran, bis der Mutterschutz für Selbstständige umgesetzt ist!“

„Wir stehen im Koalitionsvertrag“, kommentiert Tischlermeisterin Johanna Röh die Einigung von Union und SPD auf Instagram . Damit meint die Unternehmerin die Pläne zum Mutterschutz für Selbstständige, die im Koalitionsvertrag ab Zeile 3247 zu finden sind. Dort haben die drei Parteien folgende Ziele für ihre Regierungszeit festgehalten:

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Wir wollen einen Mutterschutz für Selbstständige analog zu den Mutterschutzfristen für Beschäftigte einführen. Dafür prüfen wir zeitnah umlagefinanzierte und andere geeignet Finanzierungsmodelle. Darüber hinaus entwickeln wir gemeinsam mit der Versicherungswirtschaft Konzepte für die Absicherung der betroffenen Betriebe. Wir werden eine Aufklärungskampagne zum Mutterschutz umsetzen.“

Johanna Röh kann es kaum fassen, dass die schwarz-rote Koalition nun das umsetzen möchte, wofür sich die Handwerksunternehmerin schon seit knapp drei Jahren einsetzt. Seither fordert die Tischlermeisterin, dass „ Schwangerschaft keine Existenzbedrohung sein“ darf. Inzwischen hat die Handwerksunternehmerin mit dem Verein „Mutterschutz für Alle! viele Mitstreiterinnen gefunden.

Deshalb schreibt sie sich auf Instagram auch: „Was für eine Teamleistung.“ Sie bedankt sich zudem bei allen Unterstützern in der „Politik und auf sonstigen Wegen.“ Für Röh ist der Koalitionsvertrag „ein toller Start in die neue Legislaturperiode“. Allerdings stellt sie auch klar, dass sie genau beobachten wird, was Union und SPD umsetzen werden: „Wir nehmen euch beim Wort und bleiben dran, bis der Mutterschutz für Selbstständige umgesetzt ist!“

„130 Seiten weiter so“: Koalitionsvertrag ist „mutlos“

Bäckermeister Sebastian Brücklmaier kritisiert, wie Union und SPD mit den Themen Tarifautonomie und Mindestlohn umgehen.

Aus Sicht von Bäckermeister Sebastian Brücklmaier beinhaltet der Koalitionsvertrag „130 Seiten weiter so“. Daher erachtet er das Papier von Union und SPD insgesamt als „mutlos“.

Der Inhaber der Bäckerei Konditorei Brücklmaier in München hat sich schon damit befasst, was der Koalitionsvertrag für das Bäckerhandwerk und sein Unternehmen bedeutet. Kritisch sieht Brücklmaier, dass darin „keine Reform des maroden Sozialsystems“ enthalten ist. Die junge Generation bekomme gerade bei der Renten-, Pflege- und Krankenversicherung einen „regelrechten Kostenwucher“ übertragen. Das habe Folgen für die Beschäftigten und Unternehmen: Denn durch stetig „steigende Prozentsätze für die Sozialversicherung“ verpufft die Lohnerhöhung und die Lohnnebenkosten für Betriebe werden zudem steigen, meint er.

Kritik übt der Bäckermeister auch an der Umsetzung des Themas Mindestlohn : „Wenn man eine Tarifautonomie haben will, wie es im Vertrag steht, erschließt sich mir auch nicht, wieso man einen Mindestlohn mit 15 Euro für 2026 reinschreibt.“ Das bedeute, dass zweifelsohne auch die Tarife im Handwerk steigen werden. „Diese Kostensteigerungen werden auch nicht durch die Gastrosteuersenkung kompensiert werden können“, meint er.

Laut dem Bäckermeister enthält die Einigung von Union und SPD aber auch gute Aspekte. Dazu gehört für ihn die geplante Senkung der Netzentgelte für Strom und dass Überstunden steuerfrei sein sollen. Gleiches gelte für die Flexibilisierung der Arbeitszeit. „Hier profitieren sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer“, sagt Brücklmaier.

„Zügige Ausrichtung der Förderpolitik im Wohnungsbau unerlässlich“

Die Entscheidung, die Baupolitik in einem „starken Bauministerium“ zu verankern, sieht Christian Staub positiv: „Dieses Ministerium soll auch die Verantwortung für die Förderpolitik im Bereich Neubau und Modernisierung übernehmen, um Maßnahmen effizient umzusetzen“, sagt der Bauunternehmer und Präsident des Baugewerbeverbandes Niedersachsen (BVN).

Und was hält er vom geplanten Einsatz des Sondervermögens? „Die gezielte Verwendung von Mitteln aus dem Sondervermögen für Straßen und Brücken begrüßen wir“, so Staub. Dies solle sicherstellen, dass alle verfügbaren Kapazitäten auf dem Markt, insbesondere mittelständische Unternehmen, die Bauaufgaben übernehmen können.

Bei der Verkehrsinfrastruktur hat der BNV-Präsident klare Vorstellungen, was die neue Bundesregierung in ihrer Legislaturperiode angehen muss: „Besonders bei sanierungsbedürftigen Brücken ist eine Infrastrukturoffensive notwendig“. Staub stellt zudem klar, was das Baugewerbe in puncto Förderpolitik erwartet: So sei „eine zügige und verlässliche Ausrichtung der Förderpolitik im Wohnungsbau unerlässlich, um den Menschen Mut zum Bauen zu machen.

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Martina Jahn
Martina Jahn

Autor für IT und Gewerke

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