Schwanger oder selbstständig? „Keine Frau sollte das entscheiden müssen“
Mutterschutz für Selbstständige gibt es bislang nicht: Johanna Röh sagt im Interview, was das für ihre Familienplanung bedeutet und warum eine Gesetzesänderung für das Handwerk wichtig ist.
Auf einen Blick
Tischlermeisterin Johanna Röh hat den fehlenden Mutterschutz für Selbstständige erstmals 2022 thematisiert: Sie war damals mit ihrer Tochter schwanger und vermisste die fehlende Absicherung persönlich und wirtschaftlich. „ Schwangerschaft darf keine Existenzbedrohung sein“, forderte sie damals und startete eine Petition, die das Thema nach Berlin brachte.
Inzwischen ist es in der Bundespolitik angekommen. Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, dass sie in dieser Legislaturperiode „einen Mutterschutz für Selbstständige analog zu den Mutterschutzfristen für Beschäftigte“ einführen wollen.
Zur Verstärkung ihres Anliegens findet in Berlin aktuell die Aktionswoche „Mutterschutz für Selbstständige“ statt. Wir haben mit Johanna Röh gesprochen, die die Aktionswoche zusammen mit dem Verein „Mutterschutz für Alle!“ organisiert hat.
Seitdem Sie 2022 die Petition gestartet haben, ist viel passiert. Warum gibt es jetzt die Aktionswoche zum Mutterschutz für Selbständige?
Johanna Röh: Mit der Initiative haben wir in den letzten drei Jahren die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, sich nicht zurückzulehnen und einfach abzuwarten. Deshalb wollen wir jetzt zu Beginn der Legislaturperiode mit der Aktionswoche darauf aufmerksam machen, was der fehlende Mutterschutz für Selbstständige für Frauen bedeutet. Dadurch wollen wir erreichen, dass die Bundesregierung das Thema wirklich angeht und für eine Gesetzesänderung sorgt, von der Selbstständige profitieren.
Aktionswoche mit Presseaktion vor dem Bundestag
Was genau planen Sie für die Aktionswoche?
Röh: Es wird verschiedene Veranstaltungsformate geben. Dazu gehört zum Beispiel ein parlamentarisches Frühstück bei dem sich Expertinnen und Experten aus Politik und Wirtschaft austauschen werden. Außerdem wird es ein Community-Event sowie eine Presseaktion vor dem Bundestag geben.
Dafür werden wir vor dem Bundestag eine Skulptur aufstellen, die die Mehrfachbelastung darstellt die selbstständige Mütter stemmen müssen. Entworfen wurde sie von einer Modedesignerin aus unserem Team. Sie hat sich um die komplette Umsetzung gekümmert und zwei Monate lang daran gearbeitet – neben ihrem Beruf.
Und wird die Skulptur länger vor dem Bundestag zu sehen sein?
Röh: Nein, nur am Aktionstag – also am 9. Oktober 2025. Der Grund dafür ist, dass wir für den Aktionstag offiziell eine Kundgebung angemeldet haben, um die Skulptur dort aufstellen zu können. Zu der Veranstaltung haben wir auch die Politik eingeladen.
Wird es darüber hinaus noch weitere Möglichkeiten geben, die Skulptur zu sehen?
Röh: Ja, wir werden sie mit zu unserem Community-Event nehmen, das am Freitag, den 10. Oktober in Berlin stattfindet. Außerdem soll es Folgeveranstaltungen geben, bei denen die Skulptur ebenfalls zu sehen sein wird.
Crowdfunding für den Mutterschutz – das sind die Hintergründe
Anlässlich der Aktionswoche gibt es eine Crowdfunding Kampagne, die bis Mitte Oktober läuft: Warum ist das nötig?
Röh: Wir sind seit dreieinhalb Jahren an dem Thema dran. Es gibt leider keine Fördermittel für die Gleichstellungarbeit bei Selbstständigen – die Programme richten sich unserer Erfahrung nach immer an Angestellte.
Wir müssen daher unsere Initiative aus eigener Kraft vorantreiben. Dabei fallen selbstverständlich Kosten an, zum Beispiel 6.500 Euro für das Parlamentarische Frühstück sowie rund 4.000 Euro für die Skulptur und Presseaktion. Und das muss finanziert werden. Deshalb haben wir uns für die Crowdfunkding-Kampagne entschieden.
Wie kann man die Crowdfunding Kampagne konkret unterstützen?
Röh: Es gibt zwei unterschiedliche Möglichkeiten: Die eine ist das Kaufen von „Dankeschöns“, die alle von selbstständigen Müttern hergestellt wurden. Die andere sind reine Spenden. Da wir ein gemeinnütziger Verein sind, können die Spenden steuerlich abgesetzt werden.
Gibt es darüber hinaus noch Möglichkeiten, Ihre Initiative zu unterstützen?
Röh: Uns hilft es, wenn die Menschen über den fehlenden Mutterschutz für Selbstständige sprechen und weiter an die Öffentlichkeit tragen. Eine Mitgliedschaft bei uns im Verein „Mutterschutz für Alle!“ hilft uns auch. Da sind wir mittlerweile 360 Personen, das ist wirklich schön. Politisch hat es einfach Gewicht, wenn wir sagen können, dass so viele Menschen hinter uns stehen.
Mutterschutz für Selbstständige: Warum das erst jetzt ein großes Thema ist
Das Mutterschutzgesetz gibt es seit 1952 und es ist damit mehr als 70 Jahre alt. 2022 haben Sie das Thema Mutterschutz für Selbstständige in die Öffentlichkeit gebracht. Ist vorher niemand auf diese Idee gekommen?
Röh: Doch, es gab in der Vergangenheit immer wieder Initiativen einzelner Personen. Allerdings konnten sie sich damals nicht so vernetzen – Social Media gab es damals nicht. Dadurch entsteht heute eine ganz besondere Energie. Die früheren Initiativen sind deshalb einfach verhallt, weil die Resonanz für das Thema zu gering war.
Und wie hat es 2022 angefangen?
Röh: Als ich schwanger war, musste ich zu meinem Erstaunen feststellen, dass der Mutterschutz für Selbständige nirgendwo ein Thema war. Ich wollte damals nicht die Hände in den Schoss legen, weil die Schwangerschaft für mich eine einzige finanzielle Krise war. Ich musste das Thema bearbeiten und habe es deshalb an die Öffentlichkeit getragen. Und ich muss ehrlich sagen, wenn ich den Eindruck gehabt hätte, es kommt nichts zurück und niemand interessiert sich dafür, dann hätte ich sicher nicht weitergemacht.
Wie Mutterschutz für Selbstständige aussehen könnte
Jetzt hat es das Thema in den Koalitionsvertrag geschafft. Doch der ist vage formuliert. Union und SPD wollen verschiedene Finanzierungskonzepte prüfen. Welche Lösung wünschen Sie sich?
Röh: Mein Wunsch wäre, dass sich die Politik für eine Lösung entscheidet, die sich schnell umsetzen lässt. Bei der Umlagefinanzierung wissen wir zum Beispiel, dass es ein System ist, was bei Angestellten gut funktioniert. Und es würde sich recht einfach auf Selbständige ausweiten lassen.
Das heißt aber nicht, dass ich diese Lösung langfristig bevorzuge. Ich bin der Meinung, dass Mutterschaftsleistungen solidarisch finanziert werden sollten, zum Beispiel über Steuermittel. Doch bei der Steuerfinanzierung sehe ich das Problem, dass es keine schnelle Lösung wird und Jahre dauern könnte, bis der Mutterschutz für Selbstständige kommt.
Was ist mit der Betriebshilfe, die Sie schon öfter thematisiert haben?
Röh: Die Bedürfnisse von schwangeren Selbstständigen und Müttern unterscheiden sich je nach Branche und Betrieb. Ich bin deshalb überzeugt, dass es keine Lösung gibt, die für alle Frauen gleichermaßen passen. Daher würde ich mir wünschen, dass die Politik auch die Machbarkeit einer Betriebshilfe für schwangere Selbstständige prüft. Österreich ist hier ein schönes Beispiel. Dort können Selbstständige zwischen einer finanziellen Leistung oder ein Betriebshilfe wählen. So eine Lösung könnte ich mir für Deutschland auch gut vorstellen.
Fehlende Absicherung: Was das für das Handwerk und Frauen bedeutet
Was ist mit Ihnen persönlich, können Sie sich noch ein zweites Kind vorstellen?
Röh: Als Selbstständige kann ich mir aktuell kein zweites Kind leisten. Wegen des fehlenden Mutterschutzes musste ich meine Rücklagen in der Schwangerschaft und nach der Geburt meiner Tochter aufbrauchen. Bislang habe ich solche Rücklagen nicht wieder aufgebaut.
Es gibt aber noch einen zweiten Grund, warum ich mir eine Schwangerschaft derzeit nicht vorstellen kann. Ich habe schon die für Verantwortung für ein Kind und möchte die finanzielle Unsicherheit, die für Selbstständige mit einer Schwangerschaft aktuell verbunden ist, einfach nicht.
Und was heißt das konkret?
Röh: Aktuell müsste ich mich definitiv zwischen Kind und Selbstständigkeit entscheiden. Es ist aber total schwer, eine solche Entscheidung zu treffen. Auf meinen Betrieb habe ich lange hingearbeitet und er ist daher fast wie ein Kind für mich. Ich würde mir daher wünschen, dass ich und natürlich auch andere Frauen nicht vor die Entscheidung Schwangerschaft oder Selbstständigkeit gestellt werden.
Was würde es für das Handwerk bedeuten, wenn der Mutterschutz für Selbständige kommt?
Röh: Wir hätten dann endlich gleiche Perspektiven. Aktuell ist es ein großer Unterschied, ob Frauen als Angestellte oder als Selbstständige im Handwerk arbeiten. Wenn wir aber als Gesellschaft Frauen im Handwerk haben wollen, weil wir Fachkräfte benötigen, dann müssen wir sicherstellen, dass auch die Perspektiven für Frauen da sind.
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