Werkzeug für Liebhaber: Aus der Scheune in die Welt
Die handgefertigten Werkzeuge von Drechsler Matthias Fenner sind beliebt von New York bis Sydney. Wie hat er sich international einen Namen gemacht?
Auf einen Blick
Alte Gemäuer zwischen Wäldern und Feldern: Den Landkreis Lüchow-Dannenberg bringt man eher mit Tradition, Ruhe und Beschaulichkeit in Verbindung – weniger mit globalem Handel. Hier im Örtchen Lichtenberg, in einer von wildem Wein behangenen roten Backsteinscheune, betreibt Drechsler Matthias Fenner sein Handwerk für einen internationalen Kundenstamm. „Meine Kunden kommen zu 80 Prozent aus den USA und Großbritannien“, berichtet Fenner. Australien und Neuseeland zählten auch dazu, und gute fünfzehn Prozent Deutschland und Europa.
Der erste Ritterschlag
Seine Werkstatt verbindet Tradition und Moderne. Ein neues anthrazitfarbenes Scheunentor und farblich passend eingefasste Fenster verleihen dem alten Backsteinbau moderne Lebendigkeit. Die Symbiose aus Alt und Neu setzt sich in den hellen Innenräumen der Werkstatt fort. Eine moderne Kopierdrehmaschine, ein 3D-Drucker, eine alte Drehmaschine für Metall und manch anderes Maschinenbauschätzchen sind im Einsatz, um vor allem eines herzustellen: edle Handwerkzeuge für den Markt von Werkzeugenthusiasten.
Fenner fertigt Ahlen, Anreißmesser, Klüpfel, Feilenhefte und auch Schraubendreher. Sein Anspruch: Das Werkzeug aus bloßem Holz, Metall und Werkzeugstahl komplett in eigener Fertigung herstellen. Die Qualität überzeugt manch bekannten Händler: „Dass Dictum meine Werkzeuge haben wollte, war ein großer Ritterschlag für mich“, berichtet der Unternehmer. Seit drei Jahren sind seine Werkzeuge im Katalog des Werkzeughändlers gelistet.
Für das Handwerk in eine neue Heimat
Zum Drechslerhandwerk kam der Unternehmer über Umwege. „Nach der Schule bin ich für fünf Jahre in den Rettungsdienst gegangen. Dann hatte ich genug gesehen für ein Seelenleben“, berichtet der 37-Jährige. Es folgten Stationen als LKW-Fahrer, Bäcker und Baumaschinenführer. Seine Erfüllung fand der Wahlniedersachse darin noch nicht. „In meiner Familie hatten viele etwas mit Holz gemacht. So kam ich schließlich zum Drechslerhandwerk“, erinnert er sich. 2016 hat er sein Unternehmen in Vollzeit gegründet. Auf Arbeiten vor allem für Tischlereien folgte im selben Jahr die allmähliche Spezialisierung auf Werkzeug. „Ein Werkzeugproduzent brauchte vernünftige Feilenhefte für seine Geschäftspartner und sich“, sagt Fenner. Also begann er, Feilenhefte zu fertigen. Es folgten Anreißmesser und Ahlen und sein Einstieg in die Metallbearbeitung.
Angefangen hat der Drechsler in seiner Heimat zwischen Wuppertal und Düsseldorf. 2019 dann der Schock: Als das Dorf Flandersbach in ein reines Wohnquartier umgewandelt werden sollte, seien Unternehmen systematisch vergrämt worden. „Ich war der letzte Handwerker im Ort und sollte auch gehen. Wegen des Lärms, hieß es“, sagt Fenner. Bundesweit suchte er eine neue Werkstatt und schrieb Gemeinden mit Leerstand an. Der Landkreis Lüchow Dannenberg war der erste, der ihm den Weg bereiten wollte. „Anfang April 2020 wurde die Bauanfrage beschieden, dann habe ich gekauft und bin im Mai umgezogen“, erinnert sich Fenner. Bis das Bauamt dann sicher war, dass er die denkmalgeschützte Scheune zu einer nutzbaren Werkstatt herrichten durfte, vergingen allerdings doch einige Monate der Unsicherheit. „Die Handwerkskammer Braunschweig Lüneburg Stade hat mich dabei unermüdlich unterstützt und mir viel Arbeit mit den Behörden abgenommen“, lobt der Handwerker.
Instagram hilft beim Vertrieb
Der wichtigste Vertriebskanal von Matthias Fenner ist Instagram in Kombination mit dem Webshop auf seiner Website. Sein Content kommt gut an unter den internationalen Werkzeugenthusiasten: 15.000 Follower hat Matthias Fenner Toolworks versammelt. Seine Strategie? „Ich zeige einfach regelmäßig meine neuesten Werkzeuge.“ Rund 1.750 Posts aus Bildern und Videos zeugen von der Arbeit des Unternehmers. Über einen Link in seiner Instagram-Bio gelangen Besucher zu seiner Website und weiteren Shops, die die Werkzeuge des Drechslers führen.
Was ist das Besondere an seinen Arbeiten? „Das beginnt bei der Holzauswahl“, erzählt der Drechsler. Viele ausgefallene Sorten finden sich in seinem Lager. Häufig verwendet er Nussbaum. „Der ist bei uns handverlesen von einem kleinen Händler aus Süddeutschland.“ Das Holz stamme von wildwachsenden Bäumen frei von forstwirtschaftlicher Geradlinigkeit. Das sorge für eine einzigartige Maserung.
So fertigt der Drechsler sein Werkzeug
Eine Bohrahle zum Vorbohren von Schraub- und Nagellöchern entsteht zum Beispiel in folgenden Schritten: Zunächst dreht Fenner das Heft vor. Dann wird die Zwinge aus Messing, Titan oder Neusilber angefertigt und ins Heft eingepasst. Das montierte Heft wird dann noch einmal fein überdreht und geschliffen. Den Pyramidenschliff der Werkzeugspitze schleift er aus dem runden Werkzeugstahl, bevor er gehärtet wird. „Dann wird gehärtet, dann noch einmal geschliffen und dann montiert“, berichtet Fenner. Viele Tricks zur Metallbearbeitung hat der Unternehmer von Arbeitskollegen seines Opas erhalten, die in den Härtereien und Schleifereien im Bergischen Land gearbeitet hatten.
Und was hat es mit dem 3D-Drucker auf sich? Den verwendet der Drechsler einmal, um Kopierschablonen seiner Heftformen für die Kopierdrehmaschine zu erstellen, und außerdem für ein zusätzliches Produkt: „Ich nutze den 3D-Drucker, um Brandstempel herzustellen“, sagt er. Dabei wird im großen Maßstab ein Schriftzug oder Logo auf dem 3D-Drucker gedruckt. Dann wird der Druck in einen sogenannten Pantographen eingespannt. Mit dieser speziellen Kopierfräse lässt er sich abtasten und skalieren. So wird er in einem beliebig einstellbaren Maßstab in Messing gefräst und der Stempel des Brandeisens entsteht.
Stolz und Stecknadeln
Was plant der Unternehmer für die Zukunft? Gesundes Wachstum. Am liebsten hätte Fenner einen Azubi, um sein Handwerk weiterzugeben. „Ein großer Fachkräftemagnet ist mein Standort allerdings nicht. Realistischer ist wohl, dass ich stärker automatisieren werde“, schätzt der Drechsler. 700 bis 800 Werkzeuge entstehen aktuell jährlich in seiner Werkstatt hinter den wilden Weinranken. „Am Anfang haben viele gesagt: Ich glaube damit wirst du baden gehen“, erinnert er sich zurück. Davon ist Matthias Fenner Toolworks weit entfernt. An einer Wand in der Werkstatt hängt eine große Weltkarte. Rund 200 Stecknadeln stecken in ihr: eine für jeden Ort, in den der Werkzeugmacher schon geliefert hat. „Das schönste an meinem Handwerk ist: Ich darf etwas schaffen, das bleibt“, sagt Fenner. Weltweit.
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