Wie bauen wir Bürokratie ab, Meister Scheller?
In der ARD-Reportage „1001 Gesetz: Bürokratie in der Backstube“ erklärt Bäckermeister Nico Scheller, wie groß die Belastung ist – und was man dagegen tun könnte.
Es gibt Momente, da kann die Stimmung kippen: 15.000 Euro Steuernachzahlung zum Beispiel, weil im Cappuccino nicht genug Milch war. Bäckermeister Nico Scheller aus Oberhaching wirkt aber eher ein bisschen verwundert, als er die Geschichte in der ARD-Reportage „ 1001 Gesetz: Bürokratie in der Backstube “ erzählt: Für Cappuccino zum Mitnehmen gilt wegen des hohen Milchanteils von 82 Prozent als Milchmixgetränk. Sieben Prozent Mehrwertsteuer . Doch 2014 stellte das Finanzamt fest: Zwei Prozent zu wenig Milch, also Mehrwertsteuersatz 19 Prozent und fette Nachzahlung.
Verwaltungsarbeit genug für zwei Vollzeitstellen
Wie viel Bürokratie verträgt eine Backstube? Dieser Frage geht die Reportage nach, und Nico Scheller, einst mit 20 Jahren der jüngste Bäckermeister Bayerns, kann viel dazu sagen. Arbeit genug für zwei zusätzliche Vollzeitstellen habe er wegen der unterschiedlichsten Auflagen, berichtet er. Das fange bei Kühlungsprotokollen auf Papier trotz digitaler Erfassung an und reiche bis zur Extra-Schutzkleidung für Mitarbeitende, wenn sie das Spülmittel umfüllen. Vieles erledigt er allerdings selbst.
Besonders ärgerlich: die Bonpflicht. Scheller legt Wert auf Nachhaltigkeit. Kunden, die ihre eigenen Beutel mitbringen, nehmen an einem Bonussystem teil. Nun müsse er durch das Drucken der Bons„brutal viel Müll“ produzieren, klagt er. Und natürlich: Die Brötchentüten, die er in den Umlauf bringt, müssen laut Verpackungsgesetz registriert und gemeldet werden. Bei Verstoß drohen hohe Strafzahlungen.
Kein Ministeriumsvertreter hatte Zeit für ein Treffen
Doch was tun? Die ARD-Redaktion wollte Ministeriumsvertreter aus Berlin nach Bayern holen, doch das misslang. Stattdessen kommt der bayerische Beauftragte für Bürokratieabbau, Walter Nusse. Doch mehr als Trost spenden und versichern, alles ihm Mögliche zu tun, kann er auch nicht. Die bayerische Bäckerinnung hatte ihm eine Liste mit Verbesserungsvorschlägen übergeben. „Konnten Sie konkret etwas erreichen?“, fragt Scheller. Nusse verweist auf kommende Erleichterungen. Aber Themen, die den Bäcker bewegen? Noch Fehlanzeige.
Scheller wünscht sich bei machen EU-Regelungen Ausnahmen für kleine Handwerksbetriebe. „Das könnte man auch im Bund, für sich regeln“, sagt er. Viel Hoffnung macht ihm Nusse nicht. Eine Gefahr für viele Betriebe, warnt Scheller. „Ich kann verstehen, dass manche Unternehmer sagen: ;Ich schaff‘ das mit all den wichtigen Themen nicht mehr.‘ Wir brauchen jetzt spürbare Entlassungen .“
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